Heute ist der 13. August 1993.
Vor genau 50 Jahren, am 13. August 1943, mitten im 2. Weltkrieg also, marschierte ich bei genauso strahlender Sonne wie heute mit dem Rucksack auf dem Rücken vom Bahnhof Otterndorf nach Neuenkirchen. Eine Fahrmöglichkeit gab es nicht. In Neuenkirchen sollte ich nach meiner - wegen des Krieges verkürzten - Ausbildung meine erste Lehrerstelle antreten.
Ich hatte in Dortmund, meiner Ausbildungsstadt, so dringend gebeten, mich in die Berge Süddeutschlands - besser noch nach Tirol, das damals zum Großdeutschen Reich gehörte - oder in meine Heimat, das Sauerland, zu schicken, aber der Befehl lautete: Neuenkirchen, Kreis Land Hadeln.
Ich war sehr unglücklich, aber auch eine sofortige schriftliche Eingabe half nichts. - So fuhr ich also im "Kriegstempo" zwei Tage lang in ein mir völlig unbekanntes Land. Ich kannte nur die mittel- und süddeutschen Berge.
Die Freunde und Bekannten im Sauerland hatten mir vor meiner Abreise nicht gerade Mut gemacht: Das Land sei flach, kahl und öde, baumlos und windgepeitscht. Die Menschen seien unfreundlich, stur und hart. - Und ich war 23 Jahre alt, wollte mich freuen auf meine Arbeit mit fröhlichen Kindern!
Es war ein großes Glück, daß ich im Sommer herkam und daß das Wetter so schön war. Ich fand ein Land voller Licht und Weite, sah riesige Wiesen und Felder, viele, viele Baumgruppen, die wie ganze Wälder wirkten. Rechts und links der Straße weideten junge Pferde und Rinder. Fruchtbarkeit, Wohlstand und Ruhe konnte man direkt fühlen. Und das nach meiner Ausbildung in Dortmund, mit so vielen Bombenangriffen, Trümmern und sehr wenigem Essen. Auf diesem 4 km langen Weg habe ich alle Ängste vergessen!
Neuenkirchen bestand damals hauptsächlich aus Fachwerkhäusern mit weißen Balken, rotem Mauerwerk und grünen Türen, und über alle Gartenzäune guckten Blumen, Blumen, Blumen...
Im Dorf erwartete man mich schon. Als ich nach der Wohnung des Schulleiters fragte, hieß es: "Ach, sie sind die neue Lehrerin! Gehen sie nur noch ein Stückchen, dann sehen sie schon die Schule. Sie ist das größte Haus im Dorf. Die Leute in den Nachbargemeinden spotten darum gern und sagen, unsere Adresse müßte eigentlich lauten: Neuenkirchen bei der Schule!! Dort finden sie auch den Schulleiter."
Das alles wurde mir sehr freundlich, ja lachend, gesagt. Wenn das die sturen, harten und kalten Menschen des Landes Hadeln waren...
Der Schulleiter, Herr Kantor Wieboldt, war genauso freundlich und zuvorkommend. Er hatte mir schon ein möbliertes Zimmer besorgt und brachte mich persönlich zu meiner Wirtin. Ich fand dort ein helles sonniges Zimmer, auf dessen Tisch zu meiner Begrüßung eine große Schale mit Äpfeln stand. Und das im Jahr 1943!
In unsere Schule gingen damals 148 Kinder. Über 90 gehörten zu den Jahrgängen 1 - 4, die anderen gingen in die Oberklasse, also die Jahrgänge 5 - 8. Als blutige Anfängerin mußte ich die vier unteren Jahrgänge unterrichten: von 7 Uhr 30 bis11 Uhr die Kinder des 3. und 4. Jahrgangs, und von 11 - 13 Uhr die Kinder des 1. und 2. Jahrgangs.
Da Herr Kantor Wieboldt ein besonders guter Mathematiker war, aber wenig Spaß an Musik und Zeichnen hatte, haben wir uns nach einem halben Jahr so geeinigt, daß er in meinen Klassen Rechnen, ich in der Oberklasse dafür Singen und Zeichnen gab und außerdem für die Mädchen Sport. Bei gutem Wetter turnten oder spielten wir auf dem Schulhof, bei Regenwetter war der obere Schulflur unsere Turnhalle. Die jetzige Turnhalle entstand erst 1966.
Kantor Wieboldt und ich waren die einzigen Lehrkräfte. Nur den Handarbeitsunterricht erteilte eine begabte Hausfrau aus dem Dorf, Frau Rodegerdts. Herr Wieboldt trug den Titel "Kantor", weil er auch Organist der Kirche war. Er war, als ich kam, 62 Jahre alt, wurde wegen des Krieges nicht pensioniert und war insgesamt ca. 40 Jahre Lehrer und Schulleiter in Neuenkirchen. Eine "Seele von Mensch" wie man so sagt. Er hat mir geholfen, wo er nur konnte.
Ich mußte ganz gewaltig arbeiten, um meine Aufgaben erfüllen zu können. Vor allem machte mir die Heimatkunde großes Kopfzerbrechen. An jedem Schultag war eine Unterrichtsstunde in diesem Fach fällig, und ich kannte von Land und Leuten wenig mehr als die Begriffe "Ebbe und Flut", der "Blanke Hans" und "Marschland" -
Die Kinder meiner Klassen hatten im 5. Kriegsjahr fast keine Lernmittel. Die Erstklässler hatten weder Fibel noch Rechenbuch. Es wurden seit Jahren keine Schulbücher mehr gedruckt und die alten zerfielen. Wer Glück hatte, besaß eine Schiefertafel, oder eine Scherbe davon. Es fehlte an Papier und Bleistiften, von Buntstiften gar nicht zu reden. Für die ABC-Schützen schrieb ich die ersten Buchstaben und Wörter an die Wandtafel, so lernten sie lesen und schreiben.
Es saßen immer zwei Jahrgänge in einem Klassenraum, mit zumeist verschiedenen Unterrichtsstoffen. Wenn ich mit der einen Gruppe arbeitete, konnte ich wegen der fehlenden Lernmittel die andere Gruppe kaum beschäftigen. Die nahm dann gern jede Gelegenheit wahr, sich mit den damals üblichen hölzernen Federkästen zu verprügeln.
Trotz allem konnte ich am Schuljahresschluß mehrere Kinder zur Realschule nach Otterndorf schicken. Darauf war ich sehr stolz. Ich war jung und mochte die Kinder gern, darum machte die Arbeit auch Spaß und brachte Erfolge.