[Inhalt] [1] [2] [3] [4] [5] [6] [7] [8] [9] [10] [11] [12] [13] [14] [15] [16] [17] [18] [19] [20] [21] [22] [23] [24] [25] [26] [27] [28] [29] [30] [31] [32] [33] [34] [35] [36] [37] [38] [39]


Kapitel 26


Abendvisiten



Da wir vier Süderender Bauern - nach früheren Wegeverhältnissen gerechnet - recht weit entfernt von anderen Höfen oder dem Dorf wohnten, pflegten und nutzten wir die Nachbarschaft sehr. Wir halfen uns bei jeder Gelegenheit: beim Kalben der Kühe, beim Fohlen der Pferde, wenn ein Tier in einen Graben geraten war, oder wenn gar ein kranker Mensch transportiert werden mußte, einfach immer, wenn Not war. Darauf konnte sich jeder von uns verlassen. Zugrunde lag weniger eine "Freundschaft verwandter Seelen", als ganz starke gemeinsame Interessen. Und so war es nicht nur im Süderende, sondern in unserem ganzen ländlichen Gebiet. Und das schon seit eh und je.
Da damals auch die heutigen Unterhaltungsmöglichkeiten wie Kino, Radio oder gar Fernsehen fehlten, die Wege schlecht und das Wetter, vor allem im Winter, oft miserabel war, suchten wir auch gesellschaftlichen Kontakt. Die Frauen "liefen öfter mal zusammen" zu einem kleinen Schnack, die Männer trafen sich oft am Sonntagvormittag.
Die wichtigsten Begegnungen aber waren die winterlichen Abendvisiten. Jedes Ehepaar lud einmal zwischen Weihnachten und Ostern die drei übrigen Paare ganz offiziell ein. Dann wurden mehrere Torten und Kuchen gebacken, Rum, Wein und Schlagsahne besorgt und der Tisch festlich gedeckt. Es gab kein eigentliches Abendbrot oder gar "Warmes Essen", sondern viele gute süße Sachen. Drei Torten für acht Menschen mußten sein. Butterkuchen und Plätzchen durften auch nicht fehlen. Jeder mußte essen, soviel er nur konnte. Niemand fragte nach Kalorien oder einer schlanken Figur. Ein beliebtes Sprichwort war: "Eine Bäuerin muß Schatten werfen!" Auch viel und starker Kaffee machte uns trotz der späten Abendstunden nichts aus. Wir waren offenbar alle kerngesund!
Nachdem unsere Kinder 4 und 5 Jahre alt geworden waren, durften sie immer die Gäste bei ihrer Ankunft begrüßen und dann ganz lieb auf einem dicken Schaffell an der Heizung des Wohnzimmers ein wenig zuhören. Am Nachmittag hatten sie versprechen müssen, ganz still zu sein und die Gespräche der Erwachsenen nicht zu stören. Sie bekamen auf ihrem weichen Platz ihre Torte serviert und naschten dann von den Süßigkeiten, die die Nachbarn mitgebracht hatten. Die Kinder waren so lieb, daß wir Eltern es nicht merkten, wenn sie langsam müde wurden, sich auf ihrem Fell zurechtkuschelten und einschliefen. Ihr Vater brachte sie später in ihre Bettchen, ohne sie aufzuwecken, und die Nachbarn hatten ihren Spaß an der Geschichte.
Wenn bei den Erwachsenen in puncto "essen" gar nichts mehr ging, bildeten Männlein und Weiblein getrennte Gruppen. Die Herren spielten Skat und tranken Grog, die Damen tranken Wein bei einer kleinen Handarbeit. Auch eine Schale mit besonders schönen selbsterzeugten Äpfeln stand griffbereit.
Soweit war alles schön und gut. Was mir aber weniger gefiel, waren unsere Gesprächsthemen. Da nur Bauern und Bäuerinnen zusammensaßen, sprachen die Männer fast ausschließlich von ihrem Vieh, über Kornpreise und Absatzsorgen. Die Themen der Frauen waren Kochrezepte, Gartenerfolge, Gardinenpflege und Dienstmädchengeschichten. Sogar über Kinder wurde selten gesprochen. Kösers waren kinderlos, die Kinder der beiden Familien Lange gingen zur Realschule oder waren gar schon in der landwirtschaftlichen Ausbildung. Da unsere Kinder noch sehr klein waren, gab es wenig Vergleichsmöglichkeiten oder andere entsprechende Gesprächsthemen. Hatten die Männer tatsächlich mal ein politisches Thema oder eines, was nur in etwa aus dem bäuerlichen Rahmen fiel und ich wollte mich beteiligen, wurden meine Nachbarinnen ungehalten und fragten, ob es mir nicht mehr gut genug sei, mit ihnen zu sprechen. Sie waren sicherlich sehr gute Frauen und Mütter und standen ihren Männern stets zur Seite, waren auch sowieso gute Menschen, es fehlte aber jedes Interesse an Dingen, die über ihr Leben hinausgingen. Keine von ihnen liebte es, Bücher zu lesen, niemand machte eine Reise. Zudem waren die drei 15 - 30 Jahre älter als ich. Sie stammten alle, Männer wie Frauen, aus der heutigen Samtgemeinde Hadeln, hatten auch nur dort ihre Verwandten und Freunde. Ich war eine "Ausländerin" und mußte froh sein, anerkannt zu werden. Als ich einmal ein wenig klagte, daß ich so selten in meine Heimat, das Sauerland, fahren könnte, sagte einer meiner Nachbarn: "Mein Gott, was willst du denn, südlich von Hamburg kann man doch nicht mehr anständig (oder standesgemäß?) unterkommen!" Fast hätte ich das Atmen vergessen! Dann hab ich ihm gesagt, er möchte doch ganz schnell seine gut gefüllte Brieftasche holen, ich würde dann mit ihm losfahren nach Düsseldorf und Köln, nach Frankfurt und München.... Er hat nie wieder sowas Dummes gesagt.
Die drei Nachbarn waren damals nie in die Welt gekommen. Rudolf Köser hatte schon als Kind durch einen Unfall ein Bein verloren. Die Brüder Lange waren zu jung, um im Weltkrieg Soldat zu werden. Im zweiten Krieg war Adolf Lange kurz kämpfender Soldat und dann einige Jahre in amerikanischer Gefangenschaft. Das war seine einzige Welterfahrung.
Die Langeschen Kinder besuchten, wie gesagt, alle die Realschule in Otterndorf. Als sich in den 50er Jahren die allgemeinen Verhältnisse besserten, wurde den Schülern der 10. Klassen zum ersten Mal angeboten, eine einwöchige Klassenfahrt in den Harz zu machen. Es war nicht Pflicht, daran teilzunehmen, denn der Spaß kostete 50,-- DM. Else Lange erzählte ganz glücklich, wie vernünftig doch ihre Tochter Erika sei. Sie habe gesagt: "Ach Mutti, kauf mir für das Geld doch lieber Bettücher für die Aussteuer!"
Und so ändern sich die Zeiten: Erika Lange besucht jetzt ihre Cousine Dagmar in Australien!!

Zurück zu den Abendvisiten:
Im Laufe der 50er Jahre vergrößerte sich der nachbarliche Kreis um drei Ehepaare: Zuerst kamen Georg und Rena Nanninga dazu. Sie wohnten am Schwarzen Weg, hatten durch Rindviehzucht viel mit den Brüdern Lange zu tun, befreundeten sich mit ihnen und wurden darum mit eingeladen. Dann heiratete Heinz Lange, Adolf Langes Sohn. Er übernahm mit seiner Frau Gerdine den elterlichen Hof und gehörte selbstverständlich zu uns. Die Letzten waren Friedrich und Siegrid Pinnow, unsere Pächter. Diese beiden machten sich aber nicht beliebt und waren bald wieder ausgeschlossen aus unserem Kreis.
Die beigefügten Fotos stammen aus dem Winter 1957/58, dem ersten Winter nach unserer Verpachtung.
Langsam sind diese winterlichen Zusammenkünfte eingeschlafen. Adolf und Guste Lange übergaben, wie gesagt, den Hof ihrem Sohn und zogen in ihr neues Haus im Dorf. Wilhelm und Else Lange folgten ihnen einige Jahre später. Kösers und wir verpachteten unsere Ländereien und hatten wenig Freude mit den Pächtern.
Inzwischen war unser Schlackenweg gepflastert, wir hatten alle eigene Autos und vor allem das aufkommende Fernsehen veränderte die Freizeitgewohnheiten gewaltig.
P.S. "Abendvisiten" gab es überall in unserer Gegend. Vielleicht gibt es sie noch heute hier und da.