Bis zum Jahr 1974 waren, außer dem Backhaus, alle Gebäude des Hofes mit Reet gedeckt. Dieses Reet wurde im Winter an der Elbe oder dem Hadler Kanal geschnitten. Das ging nur bei starkem Frost, wenn das Wasser gefroren war. Es gab Männer, die sich auf dieses Mähen spezialisiert hatten und auch das nötige Handwerkszeug dazu besaßen.
Unsere Männer holten das in Garben gebundene Reet mit Pferdefuhrwerken ab und stellten es auf dem Hof in Hocken auf. So blieb es stehen, bis der Dachdecker kam.
Zu meiner Zeit hieß der, wie schon gesagt, Jan Wöbber. Er deckte nur im Frühling und Frühsommer, solange es nichts zu dreschen gab.
Meist wurde nur ein Teil eines Daches erneuert. Es war ja eine sehr langwierige und kostspielige Angelegenheit und die Dächer waren riesig. Jan sagte einmal: "Wenn ich solche hektargroßen Dachflächen hätte wie ihr, könnte ich nicht ruhig schlafen!" - Bei Sturm oder Orkan ist uns das Schlafen auch manchmal vergangen!
Jan Wöbber hatte beim Dachdecken das Kommando über alle Helfer, und das war meist nicht zu überhören. Seinen Haupthelfer brachte er mit. Der hatte wahrlich nichts zu lachen!
Jan kniete bei seiner Arbeit auf einem in den Dachlatten aufgehängtem Gestell. Sein Haupthelfer saß in der Innenseite des Daches auf einem mit Stricken aufgehängtem Brett. Unsere Männer brachten Jan sorgfältig gebundene und geschnittene Reetbündel aufs Dach. Jan legte sie neben- und übereinander auf die Dachlatten und nähte sie mit Hilfe einer etwa 50 cm langen Eisennadel und einem Faden aus Kokosgarn fest. Sein Helfer zog den Faden an und steckte die Nadel im richtigen Abstand zurück. Wenn das nicht genau nach Jans Willen geschah, hörte man sein Gebrüll auf dem ganzen Hof. Wenn es ihm dagegen gut ging, sang (brüllte) er lauthals zweideutige Lieder. Aber wir waren auf ihn angewiesen! Von Zeit zu Zeit klopfte Jan mit einem gekerbten Brett die Reethalme in die richtige schräge Lage, sodass man bei einem fertigen Dach nur noch die Halmöffnungen sehen konnte.
Ein neues Dach war ca. 30 cm dick und hatte eine Lebensdauer von 50 - 100 Jahren, je nach Qualität des Reets und der Lage des Daches. (Nordlagen halten wesentlich länger als Südlagen).
Solange ich denken kann, gab es bei all unseren Dächern immer mindestens eine Schwachstelle, die sturmempfindlich war. Bei starkem Sturm oder Orkan brachte mein Mann über lange Leitern Eggen auf die gefährdeten Stellen und drückte sie fest ins Reet. Auch dann noch, als wir schon verpachtet hatten. Der junge Pächter fühlte sich nicht zuständig und sah zu. So manches Mal habe ich in solchen Situationen mehr Angst um meinen Mann gehabt, als um das Dach!
Bei Sturm ging mein Mann immer wieder um die Gebäude, beobachtete die Dächer, merkte sich die schwachen Stellen und ließ sie sobald wie möglich ausstopfen und nachnähen.
Die gesamte südliche Dachseite des Wohnteils war lange besonders schlecht. Sie wurde mal beim Neudecken, - als große Neuerung empfohlen! - mit verzinktem Draht genäht. Das war ein folgenschwerer Fehler. Der Draht rostete trotz seiner Zinkhülle und somit wurde die gesamte Fläche viel schneller schlecht, als alle mit Kokosgarn genähten Flächen.
Reet und Arbeitslöhne waren inzwischen gewaltig teuer geworden, sodass wir vor der großen Ausgabe des Neudeckens immer wieder zurückschreckten. Mit Dachplatten zu decken, wie es immer üblicher wurde, konnten wir uns lange nicht entschließen. Erst nach meines Mannes Tod sagten wir ja zu dieser Lösung. Wir hatten eingesehen, dass Reetdächer in unserer Größe für uns unbezahlbar geworden waren. Dachhälfte nach Dachhälfte wurde "schwarz " (Platten), wir mussten auf die schönen Dachgauben verzichten, aber wir haben uns an das schwarze Dach schneller gewöhnt als vermutet. Vor allen Dingen können wir nun ruhig schlafen, auch wenn es draußen stürmt und tobt.