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Kapitel 33


Die Schneekatastrophe



Der Winter 1978/79 zeigte sich uns mit einem ganz unbekannten Gesicht: In den letzten Dezembertagen fielen im norddeutschen Raum ungeheure Mengen Schnee, vor allem in Schleswig/Holstein. Dort versanken ganze Dörfer in der weißen Masse und waren tagelang völlig von der Außenwelt abgeschlossen. Durch Stromausfall kamen vor allem viele Bauern in Not: Hunderttausende von Masthähnchen konnten die Kälte nicht überleben und Besitzer großer Kuhherden, es gab damals schon Höfe mit 60 - 100 Milchkühe, wußten nicht, wie sie die Tiere ohne Maschinen melken sollten und wohin dann mit der Milch. Auf den Autobahnen wurden viele Autos im Schnee begraben. In einigen sind Menschen erfroren. Von solchen und ähnlichen Fällen waren die Zeitungen voll, es gab aber bestimmt auch viele Einzelnotfälle.
Bei uns war es in den Tagen nicht so schlimm. Zwar blieben auch in unserer Gegend Autos im Schnee stecken und Züge fuhren nur mit großen Verspätungen, aber wir behielten den elektrischen Strom, hatten unsere warmen Wohnungen und konnten in den meisten Fällen unserer Arbeit nachgehen.
Ulrich, Elisabeth und der 4 Monate alte Nicolas mußten am 30. Dezember 1978 zum ersten Mal im Auftrag der GTZ (Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit) nach Honduras ausreisen. Ihr Flugzeug ging von Bremen aus, aber wie hinkommen? Ulli hat mit dem Flughafen telefoniert, mit Zugauskunfteien und Reisebüros, aber niemand konnte ihm helfen. Es gelang ihm endlich, ein besonders großes und gut ausgerüstetes Taxi zu mieten mit einem wagemutigen Fahrer am Steuer. Der brachte die junge Familie mit all ihrem Gepäck vorsorglich schon am 29. Dezember bis in die Nähe des Bremer Flughafens. Sie konnte dort übernachten und am nächsten Tag ohne Schwierigkeiten das planmäßige Flugzeug erreichen.
Aber letzten Endes sollte es uns Küstenbewohnern nicht besser ergehen als den Holsteinern. Nur etwas später: In der Nacht zum 13. Februar 79 wurde ich geweckt von klappernden Fenstern und heulendem Sturm. Ich konnte nicht erkennen, was draußen los war, er war ja stockfinster. Vorsorglich stellte ich meinen Wecker 1/2 Stunde früher, um Zeit genug zu haben, zu Fuß zur Schule zu gehen. Bei Glatteis und Nebel habe ich das oft gemacht. Mit Taschenlampe und Stock bewaffnet konnte ich den 2 Kilometer weiten Weg so besser und ohne Ängste schaffen, als in meinem alten Auto. Unser Privatweg wird ja weder geräumt noch gestreut.
Ich zog mich also gegen 7 Uhr besonders warm an und wollte losmarschieren. Aber ich kam nicht weit. Schon am Fuß der Außentreppe stapfte ich in ca. 20 cm hohen Schnee und bei jedem Schritt gen Osten wurde er tiefer. Schließlich stand ich vor einer Schnee-wehe, die sicher 1 Meter hoch war, und soweit meine Lampe leuchtete, waren da nur Massen von Schnee. Zudem wehte mir ein eisiger Sturmwind ins Gesicht, der durch-setzt war von winzigen hartgefrorenen Schneepartikeln. Ich mußte aufgeben. Bei allem Pflichtbewußtsein, unter diesen Bedingungen konnte ich die Schule nicht erreichen.
Zurück im Haus stellte ich gleich das Radio an und hörte zu meiner Erleichterung, daß die Eltern im Gebiet der Niederelbe wiederholt aufgefordert wurden, ihre Kinder nicht zur Schule zu schicken und weitere Anweisungen abzuwarten. Der Unterricht fiel zumindest eine Woche aus, ich weiß es nicht mehr genau.
Durch den Schneesturm waren die Räumungsarbeiten, die sofort eingeleitet wurden, fast sinnlos. In kürzester Zeit bildeten sich neue Verwehungen. Es gab ein generelles Fahrverbot für alle Privatfahrzeuge. Außer den Räumfahrzeugen durften nur Krankenwagen, Ärzte und die Feuerwehr, wenn sie überhaupt konnten, die Straßen benutzen. An den von Schneewehen besonders gefährdeten Stellen auf den Haupt-straßen wurden Räumfahrzeuge postiert. Sie fuhren los, wenn sich mehrere Fahrzeuge hinter ihnen angesammelt hatten, die ihnen sofort folgten. Wenn sie sich durch die Schneewehe gekämpft hatten, warteten auf der anderen Seite schon wieder andere Notdienstfahrzeuge. Die Räumfahrer drehten um und mußten ihre Geräte an der gleichen Stelle schon wieder einsetzen. Für uns war das große Glück im Unglück, daß wir den elektrischen Strom behielten, hatten also zuminderst eine warme Wohnung. Die Nachbarschaftshilfe wurde mal wieder groß geschrieben: Man half sich untereinander mit Lebensmitteln aus. Wenn gar nichts mehr ging, mußten sich zumeist die Familienväter zu Fuß über vom Sturm leergefegte Felder einen Weg ins Dorf suchen und ihre Einkäufe im Rucksack nach Hause tragen.
Unser Pächter, Herr Penner, mußte an mehreren Tagen den größten Teil der gemolke-nen Milch fortschütten. Dann gelang es ihm, mit seinem größten Trecker vor dem mit Milchkannen beladenen Gummiwagen querfeldein zur Molkerei in Ihlienworth zu kommen. Das Unternehmen dauerte einige Stunden, machte aber Schule. Schlimmer erging es einer jungen Mutter, die ihr Baby im Rettungswagen auf der schwierigen Fahrt von Ihlienworth zum Otterndorfer Krankenhaus geboren hat und einem schwer-kranken Mann, der von Feuerwehrmännern in einem Bettuch von seinem Haus bis zum etwa 20 m entfernt steckengebliebenen Krankenwagen getragen werden mußte. Das sind nur ein paar von den bekanntgewordenen Notfällen. Als der Sturm vorbei war, haben sich die Männer des Dorfes zusammengetan und abgelegen wohnende Menschen buchstäblich freigegraben. So auch uns im Süderende. Wir konnten dann immer noch nicht mit unseren Privatwagen fahren, waren aber im Notfall für Feuerwehr und Rettungswagen erreichbar.

Zu zwei zum Thema gehörende Fotos:
Ulli wollte vor seiner Ausreise nach Honduras noch die Zündung unseres Treckers reparieren und fuhr das Fahrzeug nach draußen, um mehr Bewegungsfreiheit zu haben. Ehe er die gereinigten Einzelteile wieder einbauen konnte, begann es heftig zu schneien. Er vertraute auf besseres Wetter am anderen Morgen. In der Nacht fielen aber mindestens 20 cm Schnee und es schneite immer weiter. Ulli mußte seinen geliebten Trecker stehenlassen und darauf vertrauen, daß unser Freund und Helfer Hermann Vermehren ihn baldigst wieder zusammenbauen und reinfahren könnte. Das war aber nicht möglich. Im Gegenteil versank das ganze Fahrzeug am 13. Februar in der weißen Masse. Hermann hat es tatsächlich nach vielen Wochen wieder zum Laufen gebracht.
Das Auto von unserem Mieter, Herrn Reitler, hatte fast das gleiche Schicksal: Herr Reitler hat sein Fahrzeug zwar erst am 12. Februar aus der Garage geholt, als neue Schneefälle gemeldet wurden. Am 28. Dezember 78 hatte sich vor seiner Garagentür eine große Schneemenge angesammelt. Dadurch war er "schlau" geworden. Er wollte ohne langes Schneeschippen am anderen Morgen nach Cuxhaven zur Schule fahren können und meinte, auf der Rasenfläche könnte er ohne große Schwierigkeiten starten. Er hatte falsch gedacht. Sein beinahe neues Auto stand fast eine Woche in einer riesigen Wehe.
Aber wir sind gesund geblieben, hatten ein warmes Haus und sogar Urlaubstage!!