Wie sehr uns die Fliegen in den Kriegs- und Nachkriegsjahren geärgert und gequält haben, wird kaum ein junger Mensch heutzutage nachempfinden können. Pferde, Rindvieh, Kälber und Schweine waren ja immer in Mengen in den Ställen oder auf den Weiden ums Haus herum und lockten Fliegen massenhaft an. Außerdem war vor der großen Dielentür das Paradies für die Fliegen: Ein riesiger Misthaufen!
Vor dem Krieg kannte man nur klebrige Fliegenfänger als Hilfe gegen die Quälgeister. Im Krieg waren die kaum noch zu erhalten. Und was konnten sie schließlich schon ausrichten gegen diese Massen von "Feinden"? Unsere Schweine im Stall waren durch sie mehr schwarz als weiß, und von dort kamen bestimmt die meisten unserer Küchenbesucher.
Im Sommer wurde morgens von 7 bis 8 Uhr gelüftet, dann wurden alle Fenster fest verschlossen und die Türen möglichst zugehalten. Trotzdem surrte und schwirrte es überall. Man kannte damals nicht einmal Fliegenpatschen. Wenn mein Mann sein Mittagsschläfchen halten wollte, jagte ich mit einem großen Tuche möglichst viele Fliegen durch die offene Zimmertür auf den Flur und schützte dann noch Wilhelms Kopf mit einem Stück Gardinenstoff. Später wurden auch Babykörbchen und Kinderbettchen, vor allem tagsüber, verhängt.
Etwa 1950 kamen Räuchertabletten zur Fliegenvernichtung auf den Markt und Jahre später aussprühbares Insektengift. Das war eine riesige Erlösung, aber, weiß Gott, nicht gerade gesund! Vor allem im Kinderzimmer ging ich damit sehr vorsichtig um, obwohl Warnungen, wie man sie heute kennt, kein Mensch aussprach.
In der fliegenreichen Zeit mussten wir bei den Mahlzeiten im Esszimmer die Tierchen vom Teller, manchmal sogar vom Suppenlöffel vertreiben. - Die schlimmsten Erinnerungen habe ich an den Sommer 1947. Er war sehr heiß, und darum vermehrten sich die Fliegen wie wild. Da es ab 7. 4. 45 dauernd Stromsperren gab - das heißt: wir hatten nur wenige Stunden am Tag elektrisches Licht - mussten wir also die Morgen- und Abendmahlzeiten bei Petroleumlicht zubereiten. Abends gab es täglich Bratkartoffeln. Der Geruch des heißen Fettes im halbdunklen Raum muss die Fliegen sehr gelockt haben. Obwohl von den Deckenbalken um den Herd herum so viele Fliegenfänger baumelten, wie wir nur hamstern konnten, landeten viele von den "geliebten" Tierchen in der Bratpfanne. Wir haben beim Essen dann oft untersucht, ob die kleinen braunen Kugeln zwischen den Kartoffeln die geliebten Speckwürfel oder gebratene Fliegen waren!
Im Sommer 1950, als Ulli geboren wurde, gab es die ersten Fliegenpatschen zu kaufen. Sie bestanden aus einem Stückchen Fliegendraht, eingefasst mit einem Stoffbändchen und befestigt an einem Drahtgriff. Wenn man 10mal zugeschlagen hatte, guckten die ersten Drahtspitzen durch das Bändchen und hakten sich in allen Stoffen fest.
Die Woche nach Ullis Geburt am 2. Juli war sehr heiß. Es gefiel mir gar nicht unter der warmen Bettdecke. Zudem brauchte ich zur Abwehr der geflügelten Besucher ständig eine Patsche. Es war wohl mein Zustand als Wöchnerin, dass ich so unter allem litt, dass ich es bis heute nicht vergessen kann.