Da bei Kriegsende 1945 alle Amtsträger der NSDAP von der englischen Militärregierung automatisch als Kriegsverbrecher eingestuft wurden, wurde auch Wilhelm am 5. Juni 45 interniert. Kurz danach wurde der Hof beschlagnahmt. Ein Vermögensverwalter wurde eingesetzt, der Grundstücksmakler Herr Steenwerth aus Otterndorf, der sofort jedes Möbelstück, jeden Teppich, jedes Bild etc. inventarisierte. Ich mußte ihn von allen Vorgängen auf dem Hof unterrichten, und er mußte mir jede Mark, die ich ausgeben wollte oder mußte, zuteilen. Er kam häufig zur Kontrolle und nahm dann meine schriftlichen Berichte mit. Dadurch hatte ich einige Arbeit. Außerdem half ich, wo ich konnte, im Garten, in der Küche (wo mich die neue Wirtschafterin gar nicht gern sah), beim Korn jäten, Rüben verziehen und während der Ernte auch beim Einfahren.
Die Militärregierung betonte bei der Beschlagnahme, es geschehe alles zu unserem Schutz. Ich empfand das als Hohn, aber am Ende stellte sich heraus, das es stimmte. In dieser wirren Zeit hätte sich sicher mancheiner gern am Besitz eines Internierten bereichert. Es sind tatsächlich zwei mir bekannte Männer zu dem Vermögensverwalter gekommen und haben Antrag gestellt, bei einer Aufteilung des Hofes ein Stück davon zugeteilt zu bekommen, sie oder ihre Söhne hätten lange Zeit auf dem Hof gearbeitet.
Ich selbst war davon überzeugt, daß der Hof eines Tages enteignet würde. Es wurden so viele Parolen in die Welt gesetzt, die mich ganz mürbe gemacht haben. Es stand z. B. mehrmals in der Zeitung, daß die internierten Nazis gegen die deutschen Kriegsgefangenen in Sibirien ausgetauscht werden sollten, oder auch, daß viel Siedlungsland für die Ostflüchtlinge gebraucht würde.
Der Gedanke, noch eine liebe Mutter und ein Elternhaus im Sauerland zu haben, hat mir damals sehr geholfen. Mutter versuchte auch, zuerst durch Schwager Theo, dann noch einmal durch Schwager Kurt, mich nach Haus zu holen, aber ich hatte Wilhelm versprochen, bis zu seiner Rückkehr so gut ich nur könnte auf seinen Hof aufzupassen.
Ich weiß nicht mehr, wie lange ich nur gerüchteweise von Wilhelms Aufenthalt im Internierungslager Westertimke und später in Fallingbostel wußte. Es dauerte Monate, bis ich die erste Nachricht von ihm erhielt. Sein Freund Adolf Hottendorff aus Otterndorf, der aus Gesundheitsgründen vorzeitig entlassen wurde, brachte mir das erste Briefchen. Er hatte es, in seiner Beinprothese versteckt, durch die Kontrolle gebracht. Mit großem Risiko!
Die erste offizielle Nachricht bekam ich Weihnachten 1945. Es war eine Karte mit den in Druckschrift geschriebenen Worten: "Ich bin gesund. Ich bin in britischen Händen. Wilhelm Mohr". Und ich hatte so sehr gehofft, daß die Internierten, die keine Schuld auf sich geladen hatten, zu Weihnachten entlassen würden!
Ab Frühjahr 1946 war es dann möglich, Lebensmittelpakete ins Lager zu schicken. "Via Bonn". Kaum ein Paket kam an. Und wenn, dann waren die meisten Lebensmittel verdorben oder gestohlen. Später wurde dann bekannt, (die Frauen der Internierten hatten gute Kontakte), daß man die Pakete im Postamt Fallingbostel abgeben könnte, sie würden von dort aus ohne Umwege ins Lager gebracht. Ab dann war ich wohl jede zweite Woche unterwegs nach Fallingbostel, drei Tage hin, drei Tage zurück, bei jedem Wind und jedem Wetter. Stückweise konnte ich mit der Bahn fahren, - meist in Wagen ohne Fensterscheiben, - oder per LKW-Anhänger, per Pferdefuhrwerk, was mich auch immer meinem Ziel näher brachte. Ich übernachtete oft in einem stehenden Zug auf den Bahnhöfen Stade oder Harburg, manchmal auch in Bahnhofshallen oder im LKW. In Soltau, dem letzten größeren Ort vor Fallingbostel, konnte ich in einem Schlafraum übernachten, den die Frau eines Internierten zur Verfügung stellte. In ihm standen drei Betten, die wir Leidensgenossinnen abwechselnd, oft nur stundenweise, benutzten. Es waren ja viele so unterwegs wie ich. Wir waren meistens so müde, daß wir uns freuten, wenn wir in ein "warmes" Nest kriechen konnten. Ich habe mir aber niemals unliebsame Körperbewohner eingefangen.
Ich beförderte nicht nur Pakete für Wilhelm, sondern nahm auch öfter welche mit für seine Kameraden, deren Frauen nicht in der Lage waren, solche Touren zu unternehmen.
Ab Frühling 1947 gab es dann sogar die streng geheime und sehr gefährliche Möglichkeit eines Treffens: Ein Waldkommando der Internierten schlug täglich in den Fallingbosteler Wäldern Holz, mit dem das Essen für die 5000 Häftlinge gekocht wurde. Die Männer dieses Kommandos brachten es fertig, auf Verabredung einzelne Kameraden, getarnt als Mitglieder des Kommandos, in den Wald zu schmuggeln. Der Lageplan des jeweiligen Arbeitsplatzes wurde uns von den bewachenden englischen oder polnischen Soldaten zugesteckt, wenn wir sie mit Eiern, Wurst oder Obst bezahlten. - Einmal ist solch ein Komplott aufgeflogen. Die gerade betroffenen Internierten wurden bei Wasser und Brot in völlig leere Zellen gesteckt, 20 Tage lang. Mehrere von ihnen haben das nicht überlebt.
Trotz meiner Pakete wog Wilhelm bei seiner Entlassung im September 1947 knapp 55 Kilogramm. Das meiste davon waren Wasseransammlungen, Ödeme. Was wäre ohne meine Pakete aus ihm geworden? Viele Internierte sind im Lager gestorben.
Am Ende einer öffentlichen Gerichtsverhandlung am 9. September 1947 wurde Wilhelm aufgrund von polizeilichen Ermittlungen, Zeugenaussagen und vielen, vielen Leumundzeugnissen für unschuldig erklärt und zur Entlassung freigegeben. Vorher durfte er aber noch 5.000,-- Mark für Unterkunft und Verpflegung bezahlen!!
Zurück zum Jahr 1945:
Nachdem Wilhelm am 5. Juni 45 abgeholt wurde, normalisierte sich das Leben auf seinem Hof nur sehr langsam.
Schwager Heini Mohr schickte uns zwar seinen Stiefsohn Karl Hinrichsen zur Hilfe, der war aber einmal kein ausgebildeter Bauer und hatte zudem durch eine Kriegsverletzung ein steifes und schmerzendes Bein. Schwager Heini gab ihm jeden Morgen die Arbeitsanleitungen für den Tag mit und kam auch, um nach dem Rechten zu sehen. Er mußte aber auch seinen eigenen Hof bewirtschaften und hatte nur wenige Hilfskräfte. Mann kann sich wohl vorstellen, was in unserem Betrieb los war. Zudem gab es weder Dünge- noch Spritzmittel, keine Ersatzteile für Maschinen und Geräte etc. etc.
Unser Tagelöhner - oder Oberknecht - Arthur Langner hat bis in den Krieg hinein ca. 20 Jahre bei uns gearbeitet. Als ein benachbarter Bauer Soldat werden mußte, wurde Arthur als Verwalter auf dessen Hof verpflichtet. Erst als dieser Bauer aus der Kriegsgefangenschaft zurückkam, konnte Arthur wieder bei uns arbeiten. Es war nicht leicht, mit ihm umzugehen, aber er war tüchtig und fleißig und wußte, wie alles laufen mußte. Wir freuten uns sehr über seine Rückkehr.