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Kapitel 23


Obstbau



Durch die Nähe des größten geschlossenen deutschen Obstanbaugebietes "Altes Land" wurde der Obstanbau in den dreißiger Jahren auch für das Land Hadeln immer interessanter. Auf vielen Höfen entstanden langsam Obstflächen zwischen 1 und 5 ha. Auch Wilhelm wurde auf den neuen Wirtschaftszweig aufmerksam und bepflanzte zuerst den Kohlhof und den alten Obsthof, dann das 1. und 2. Stück des Wehrens. Boskop, Coulon und Glockenäpfel, alles auf Hochstamm, waren damals die Hauptsorten. Die Äpfel brachten gutes Geld und Anbau und Pflege machten Wilhelm immer mehr Freude. 1949 wurde das 3. Wehrenstück bepflanzt mit Cox-Orange, Ingrid Marie und Herbstprinz. 1950/51 wurden auch die 4 Stücke des ersten Worthkamps zum Obsthof. Da sich inzwischen die Sorte Cox-Orange durchgesetzt hatte, wurden zur Hauptsache solche Bäumchen genommen.
Durch Züchtungen in der Obstbauversuchsanstalt Jork unter der Leitung von Herrn Professor Dr.Löwel wurden die Baumstämmchen immer niedriger und die Kronen trugen immer schneller. Die Äpfel wurden immer größer und schöner. Zu unserer Freude stellte es sich heraus, daß sie durch die Seeluft hier bei uns einen besseren Geschmack bekamen als die im Alten Land.
Die Pflege der Obsthöfe machte neben der Freude aber auch sehr viel Arbeit. Die Bäume mußten im Sommer je nach Witterung bis zu 15 mal mit Pflanzenschutzmitteln bespritzt werden. Bei besonders gutem Fruchtansatz wurden die Früchte per Hand ausgedünnt, Krebsstellen im Holz mußten ausgeschnitten und mit einem Schutzmittel bestrichen und Wasserschosse schon möglichst im Laufe des Sommers entfernt werden.
Die Erntezeit war die arbeitsreichste Zeit des ganzen Jahres. Dann wurden auch Hilfskräfte zum Pflücken und Sortieren eingestellt. Alles war Handarbeit. Unser alter Wallach Fritz zog den ganzen Sommer geduldig die Obstbaumspritze und im Herbst den Gummiwagen mit den vollen Obstkisten. Ehre seinem Andenken!
Die Kisten wurden auf den Hofplatz transportiert und dort gestapelt. Sie wurden später zur Genossenschaft gebracht, die das Obst in Kommission übernahm, oder wir lagerten die Äpfel in der Obstscheune ein, sortierten sie dort und verkauften sie an Obsthändler.
Im Spätherbst begann das große Ausschneiden der Bäume. Die Kronen mußten relativ klein gehalten und so beschnitten werden, daß Licht und Luft hineinkonnten. Diese Arbeit dauerte viele Wochen. Dazu holte sich Wilhelm immer einen erfahrenen Mann zur Hilfe.
Wir hatten zuletzt 5 ha Obsthof. Bei der Verpachtung des Betriebes behielten wir diese Fläche zurück. Wilhelm hatte das ganze Jahr über auf ihr zu tun.
Im Jahr 1962 bekamen wir einen kleinen Trecker, der unseren alten Fritz ablöste. Irmela und vor allen Dingen Ulli mußten schon während ihrer Schulzeit sehr oft den Trecker fahren. Beide Kinder mußten auch die ausgesägten Zweige aufsammeln - eine sehr ungeliebte Arbeit! - und beim Pflücken helfen. Ich wurde auch nicht verschont. Vor allem während der Schulzeit der Kinder bis 1966/67 war ich Wilhelms Haupthilfe beim Spritzen, Krebsbekämpfen und Obstverladen. Beim Pflücken war ich natürlich auch dabei, aber da waren, wie schon gesagt, auch andere Frauen und Männer tätig.
Die 4 Stücke des Worthkamps waren einige Jahre nach der Pflanzung Prachtstücke. Bei einer der üblichen Hofbegehungen durch die Mitglieder des Obstbauringes unter Leitung von Dr. Löwel wurden sie bestaunt und sehr gelobt. Dr. Löwel schrieb im Anschluß in einem Zeitungsbericht: "Die Anlage ist beinahe wie ein Gedicht"!
Solange die neugepflanzten Bäumchen nicht trugen, baute Wilhelm in den Zwischenräumen Bohnen und Gurken an. Sein Neffe Heinz Paulsen, der inzwischen die Sauerkrautfabrik seines Vaters übernommen hatte, wollte sie mit Gemüsekonserven erweitern. Er bat seinen Onkel, Anbau- und Ertragsversuche zu machen, bevor er entscheidende Änderungen in seinem Betrieb vornehmen wollte. Diese Versuche brachten für uns einiges Geld, aber auch mühsame Arbeit.