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Kapitel 4


Ich lernte meinen späteren Mann kennen /
Mein Einzug auf den Hof



Als ich ganze zwei Wochen in Neuenkirchen und im Schuldienst war, bekam ich vom Bürgermeister den Auftrag, im südlichen Dorf die amtliche Viehzählung durchzuführen. (Im Krieg war jedes Stück Vieh registriert und durfte nur mit Genehmigung verkauft oder geschlachtet werden). Das war ein Schreck! Ich kannte kaum meine Kinder in der Schule, da sollte ich durch einen ganzen Ortsteil wandern und unangenehme Fragen stellen! Aber es gab kein Pardon.
Ich begann bei Amandus Meyer, Kreuzweg 1, und lernte dabei seine Tochter Wilma kennen, die bis heute meine Freundin ist. Die Familien Lange und Köser im Süderende waren auch recht interessant. Über die Worth kam ich dann zum Mohrenhof. Er zeigte sich von dort aus von seiner schönsten Seite. Solch ein schönes Bauernhaus hatte ich, außer in Oberbayern, noch nie gesehen. Als ich dann auf den großen Flur kam, 5 x 15 m groß, mit quadratischen Sandsteinfliesen belegt, an den Wänden riesige Eichenschränke und Truhen, kam ich mir vor wie in einer kleinen Kirche.
Fräulein Schlichtmann, die Wirtschafterin, mußte den Chef erst holen. Als dieser "Chef" - Wilhelm Mohr - dann kam, gefiel er mir auf Anhieb, vor allem wegen seiner schönen leuchtendblauen Augen. Er wußte, wer ich war und fragte mich nach meinen Eindrücken von Schule und Dorf, nach meiner Heimat und nach meinem Werdegang. Dazu machte er so nette und treffende Bemerkungen, kannte zwar nicht das Sauerland, aber den Harz, die Alpen, den Chiemsee, in dessen Nähe ich meinen Arbeitsdienst geleistet hatte, die Bayrischen Königsschlösser ... Ich war sehr überrascht! Bis dahin hatte ich eine ganz andere Art von Bauern kennengelernt. - Die Viehzahlen wurden später nur nebenbei aufgeschrieben und ich ging ganz verwirrt vom Hof.
Bald wurde ich dorthin zum Sonntagskaffee eingeladen und von Fräulein Schlichtmann und Wilhelm so lieb aufgenommen und - mitten im Krieg - so herrlich bewirtet, daß ich mich einfach wohlfühlen mußte.
Aus diesem Wohlfühlen wurde langsam eine große Liebe. Lange Zeit wollte ich es nicht wahrhaben. Ich hatte mir nie gewünscht, einen Bauern zu heiraten. Dazu kam, daß Wilhelm 28 Jahre älter war als ich und evangelisch dazu. Ich kam aus einer streng katholischen Familie. Wilhelm war damals 51 Jahre alt. Er hatte nie geheiratet, da die Erb- und Vermögensverhältnisse der Familie sehr lange nicht geklärt waren und weil er außerdem nicht wagte, eine junge Frau zu seiner sehr kranken und schwierigen Mutter auf den Hof zu bringen. Als ich kam, lebte die Mutter, durch Schlaganfall und Gicht an den Rollstuhl gefesselt, bei ihrer Tochter Annemarie Paulsen in Otterndorf. Fräulein Schlichtmann führte seit Jahren den Haushalt auf dem Hof.
Ich wurde oft und immer wieder eingeladen und folgte den Einladungen sehr gern. In Wilhelm sah ich lange Zeit so etwas wie einen geliebten Vater. Da wir ja eigentlich aus zwei verschiedenen "Welten" kamen, gab es viele Meinungsverschiedenheiten. In wie vielen Stunden haben wir versucht, uns gegenseitig von unseren Ansichten zu überzeugen! - Aber es waren gute Gespräche, und die hörten in unserer fast 25jährigen Ehe nicht auf. - Erst im Frühling 1945 waren wir entschlossen, zu heiraten.
Als am 18. 4. 45 unsere Schule geschlossen wurde, weil die Front immer näherrückte, zog ich zu Langes, (Wilhelm und Else) unseren nettesten Nachbarn, um bei ihnen wenigstens 1/2 Jahr den Haushalt zu erlernen. Am 25. November, dem Hochzeitstag meiner Eltern, sollte unsere Hochzeit sein.
Wilhelm war 1945 Bürgermeister. Am 8. 5. 45 besetzten die Engländer unseren Kreis Land Hadeln. Am 5. 6. wurde Wilhelm während seiner Arbeit im Gemeindebüro der Internierungsbescheid wegen seiner Tätigkeit als Politischer Leiter in der NSDAP überbracht. In der Stunde, die man ihm ließ, um seine notwendigsten Sachen zu packen, bat er mich, auf seinen Hof zu ziehen als seine Braut. Das sagte er auch telefonsich seiner Mutter und seinem ältesten Bruder Heinrich. Beide waren aber wohl durch die Internierungsnachricht so erschrocken und aufgeregt, daß sie diese Mitteilung gar nicht verstanden haben. Mutter Mohr war damals 82 Jahre alt und Bruder Heini sehr, sehr schwerhörig. Es blieb aber wirklich keine Zeit, alle Geschwister zu unterrichten. Und Wilhelm und ich hatten uns nicht offiziell verlobt, um dem Gerede der Leute aus dem Wege zu gehen. Wir wollten heiraten - und damit basta!
Ich zog noch am gleichen Tag von Langes herüber auf den Hof, wurde aber von Wilhelms Familie lange kaum beachtet. "Ich weiß nichts von einer Verlobung", sagte Mutter Mohr und behandelte mich dementsprechend. - Es kam eine böse Zeit!