Ein schönes Erlebnis hatte ich vor vielen Jahren mit dem ehemaligen Oberknecht Herrn Hülsmann. Er lebte damals als Rentner bei seinen Kindern im Süderende und stellte Holzschuhe her.
An einem schönen Sonntagnachmittag im Frühherbst fuhr Wilhelm den alten Mann im Auto über alle Ländereien, richtig über Stoppeln und Gras. Herr Hülsmann konnte nur noch sehr schlecht gehen und freute sich gewaltig, noch einmal über alle Felder und Wiesen zu kommen, die er, - wie er lachend sagte, - mit soviel Schweißtropfen gedüngt hatte! Später kamen die beiden Männer ins Haus und wir haben bei einer guten Flasche stundenlang von alten Zeiten geschnackt. Hätte ich mir damals nur Notizen gemacht!! Er erzählte so frisch und fröhlich von seinen Erlebnissen auf dem Hof, von alten Sitten und Gebräuchen. Er hat es offenbar gar nicht diskriminierend gefunden, was mir manchmal peinlich war.
Die Unterbringung der Leute war nach heutigen Vorstellungen katastrophal. Die beiden Mägde schliefen in einer Butz unter der Bodentreppe. Die Bettstellen waren aus Brettern zusammengeschlagen, fest mit den Wänden verbunden und mit Stroh gefüllt. Die Knechte schliefen auf den "Hillen" über dem Kuhstall. Wie ihre Betten aussahen, weiß ich nicht. Ich weiß aber, daß es vor ca. 100 Jahren so oder ähnlich allgemein üblich war.
Die Leutestube war zum Essen und Wohnen da. Jeder hatte dort seinen festen Platz. An der Stirnseite des Eßtisches saß der Oberknecht. Er hatte das Sagen in dem Raum. An der Wand hinter seinem Platz hing seine Peitsche. Zu seiner rechten Hand saßen, dem Rang nach geordnet: Der "Anner-Knecht" (andere Knecht), der "Großjung", 1 oder 2 Dienstjungen, der "Plaugdrieber" (Pflugtreiber) und zuletzt der "Swiensjung". Die Tagelöhner, die nicht auf dem Hof wohnten und auch nicht immer hier beschäftigt waren, nahmen die anderen Plätze ein.
Der Oberknecht hatte für Ruhe und Ordnung zu sorgen und auch dafür, daß jeder zu seinem Recht kam. Gab es Streitigkeiten zwischen den Jungen, nahm er gelegentlich auch seine Peitsche und schlug zu. Er schnitt auch mittags für alle das Fleisch zu, das auf einem großen Teller auf seinen Platz gestellt wurde. Wenn es Schinken gab, bekam er den ganzen Schinken hingelegt.
Jeder Knecht mußte bei Dienstantritt seinen eigenen hölzernen Löffel mitbringen. Er wurde in eine eingekerbte Holzleiste gehängt, die an der Wand hinter der Sitzbank angebracht war. Die Messer und Gabeln gehörten dem Hof und hatten in der Tischschublade ihren Platz. Nach dem Essen wurde dieses Besteck in der Leutestube abgewaschen und an seinen Platz geräumt.
Um den Kachelofen waren an der Decke Kleiderhaken angebracht (und sind es noch!). Hier wurden bei Regenwetter nasse Kleidungsstücke getrocknet, vor allem nachts, wenn niemand im Raum war. Zu dem Zweck wurde auch im Sommer der Kachelofen geheizt.
Von Herrn Hülsmann habe ich auch vieles erfahren, was ich über den "Onkel Schultheiß" schrieb. Herr Hülsmann hat Jahrzehnte auf dem Hof gearbeitet.
Onkel Schultheiß gab z. B. seine Anweisungen durch das Wohnzimmerfenster. Die Einleitung lautete dann: "Hülsmann, sorge er dafür, daß...."
Als Aufenthaltsraum muß unsere Leutestube wohl immer recht gemütlich gewesen sein. Schon zu Herrn Hülsmanns Zeiten kamen die "jungen Lü" aus der Nachbarschaft gern hierher, um Karten zu spielen oder auch nur, um zu schnacken. Das blieb so, bis 1957 der Hof verpachtet wurde und es somit keine "Leute" mehr gab. Es wurde auch gern Musik gemacht mit einer Mundharmonika und, wenn es hoch kam, mit einer Brummfiedel. Das war ein selbstgebautes Instrument, bestehend aus einer Stange, einem leeren Marmeladeeimer und darüber gespannten Drähten. Die Drähte wurden gezupft und das ganze Gebilde im gewünschten Takt auf den Boden gestoßen.
Von der Obsternte bis etwa Ostern kam jeden Abend ein Teller voll Äpfel auf den Leutestubentisch. Ob das auch ein Anziehungspunkt war?
Während der Internierungszeit meines späteren Mannes habe ich auch mit unseren Mädchen so manchen Nachmittag in der Leutestube verbracht. Vor allem im Winter. Sie war leicht zu heizen und schnell sauber zu machen. Wir mußten ja mit dem Heizmaterial sehr sparen. Wir haben dort z. B. getrocknete Erbsen und Bohnen gepuhlt, Rosenkohl geputzt oder Säcke gestopft. Unsere Küche wurde nie richtig warm, mein Wohnzimmer wurde selten geheizt, und in den anderen Räumen wohnten ja die Flüchtlinge.
Manchmal, vor allem als ich jung verheiratet war, ging auch Ärger von der Leutestube aus. Die Wirtschafterin war entlassen, und das Küchenmädchen und ich waren verantwortlich für das Essenkochen. Da ich darin noch nicht sehr geübt war, nutzte unser damaliger Oberknecht die Gelegenheit, sich wichtig zu machen. Er schickte manche Schüssel in die Küche zurück mit der Bemerkung: "Nich to eten!" Das war, weiß Gott, ungerecht. Er wollte z. B. an den Blumenkohl mehr Salz, an die Bohnensuppe Essig und an die Bratkartoffeln mehr Fett, obwohl die Männer sie mit dem Löffel aßen, so fettig waren sie. (Wir haben damals selbst Raps angebaut und haben heimlich selbst Rapsöl hergestellt, das wir, mit Speck und Schmalz vermischt, zum Kartoffelbraten nahmen. Es war ja noch die schlechte Zeit!)
Die Beschwerden des Oberknechtes kamen so lange, bis mein Mann ein ernstes Wort mit ihm sprach und ihn vor die Wahl stellte, entweder Ruhe zu geben, oder den Hof zu verlassen. Das half! Er blieb dann, bis wir den Hof verpachteten. Er blieb sogar noch bei unserem ersten Pächter Pinnow als Hauptarbeitskraft und machte ihn mit den Gegebenheiten des Hofes vertraut. Insgesamt arbeitete er über 25 Jahre auf unserem Hof.
Als mein Mann 1937 den Hof übernahm, waren schon einige alte Gewohnheiten eingeschlafen oder er ließ sie einschlafen. Als erstes ließ er im Anschluß an die Leutestube eine Schlafkammer für die Männer ausbauen. Die Wirtschafterin und das Hausmädchen schliefen in den Räumen 7 und 8. - Das Aufschneiden des Fleisches besorgte mein Mann viele Jahre selbst. Wenn es Braten, Schinken oder Speck gab, kam er kurz vor Mittag in die Küche und schnitt das Fleisch zu. Die besten und gleichmäßigsten Stücke kamen in die Leutestube. Ins Eßzimmer kamen auch Stücke, die nicht so schön aussahen. Wir zankten uns ja nicht. Bei uns bekamen die Leute wirklich nicht das, was "von des Herren Tisch fiel", sondern immer das Gleiche, was auch die Familie aß. Es gab auf unserem Herd keine unterschiedlichen Kochtöpfe wie auf manchen anderen Höfen. Nur am Sonntagnachmittag bekamen wir öfter ein besonders schönes Stück Kuchen.
Zu den Schlaf- und Wohngelegenheiten möchte ich noch sagen, daß der "Meiermann" es am besten hatte. Ob er jeweils der Oberknecht war, kann ich leider nicht sagen. Er bewohnte mit seiner Familie unser Meierhaus am Schwarzen Weg. Er hatte seinen eigenen Garten und durfte eine Kuh halten, die mit den Hofkühen graste. Dafür mußte die Frau des Meiermannes täglich beim Melken helfen. An besonders arbeitsreichen Tagen war sie auch die erste, die zum Helfen im Haushalt gerufen wurde. - Als ich herkam, war das Meierhaus baufällig und stand leer. Als am Ende des Krieges 1945 in seiner Nähe eine Luftmine fiel, ist das ganze Gebäude zusammengefallen.