Am 1. 9. 1947 war ich bei Wilhelms Gerichtsverhandlung im Internierungslager zugegen. Sie endete, wie schon gesagt, mit seinem Freispruch. Trotzdem zweifelte ich am 17. 9. bei der telefonischen Nachricht durch einen fremden Menschen, Wilhelm sei unterwegs nach Haus, an der Wahrheit dieser Aussage. Die lange Wartezeit mit immer neuen Parolen hatte mich regelrecht zermürbt. Ich verständigte zwar die Familie, schlich mich aber ganz versteckt zum Bahnhof, um einem vielleicht falschen Informanten nicht die Genugtuung zu geben, mich heulend und verzweifelt zu sehen. Aber, o Wunder, die Nachricht wurde wahr!
Obwohl Wilhelm durch die jahrelange Isolierung scheu und unsicher geworden war, heirateten wir in aller Stille schon am 8. 10. 47. Herr Pastor Ahlborn traute uns in unserem Haus auf dem festlich hergerichteten großen Flur.
Und dann kamen viele, viele schöne Jahre! Nach der schrecklichen Trennungszeit wußten wir, was wir aneinander hatten.
Am 13. Februar 1949 wurde unsere Tochter Irmela geboren. Das war ein Fest! Der Vater war so entzückt von seinem Kind, daß er völlig vergaß, daß wir doch beide als erstes unbedingt einen Sohn wollten. Er stand immer wieder am Babykorb und sagte: "Du bist doch kein richtiger Mensch, du bist doch ein Püppelein!" Und sie blieb unser "Püppelein" oder unsere "Püppe" bis zum heutigen Tag.
Am 2. Juli 1950 kam dann unser Sohn Ulrich auf die Welt. Unser Glück war vollkommen. - Ich glaube, die beiden Kinder haben eine sehr glückliche Kindheit gehabt.
Beide Kinder besuchten die Grundschule in Neuenkirchen und dann bis zur Mittleren Reife das Gymnasium in Otterndorf. Irmela lebte anschließend zwei Jahre als "Au-pair-Mädchen" in Frankreich und dann ein Jahr in England. Vormittags war sie Babysitter und nachmittags besuchte sie die jeweiligen Sprachenfachschulen. Anschließend studierte sie am Spracheninstitut in München und machte ihr Examen als Dolmetscherin und Übersetzerin in Englisch und Französisch. Am 30. 12. 1976 heiratete sie den Wirtschaftsstudenten Maximilian Stiegler aus Herrieden. Am 23. 3. 82 bekam sie ihre Tochter Caroline. Sie wohnt und arbeitet in München.
Ulrich wollte Obstbauer werden, den väterlichen Hof übernehmen und den vorhandenen Obsthof wesentlich vergrößern. Er absolvierte ein Lehrjahr bei seinem Vater und ein zweites bei einem Obstbaumeister in Kehdingen. Während der Zeit wurden die Obstpreise schlechter und schlechter (eine Folge der beginnenden EWG), so daß eine Existenzsicherheit als Obstbauer nicht mehr gegeben war.
Außer unserem Obsthof in Größe von 5 ha (den wir Eltern ursprünglich auf 10 ha für unseren Sohn erweitern wollten), waren alle Ländereien ab 1957 langjährig verpachtet.Ulli trug sich, ein wenig von mir beeinflußt, mit dem Gedanken, Lehrer zu werden und den bereits vorhandenen Obsthof als Nebenerwerb zu betreiben. Da erfuhr er durch einen glücklichen Zufall von dem Tropeninstitut in Witzenhausen. Er zog nähere Erkundigungen ein und entschloß sich, Tropenlandwirt zu werden. Er wurde als Student angenommen und verließ das Institut nach drei Jahren als Agraringenieur. In Witzenhausen lernte er Elisabeth Stelte kennen, heiratete sie am 6. 12. 74 und reiste anschließend für zwei Jahre mit ihr nach Ecuador, um dort als Entwicklungshelfer des DED zu arbeiten. Diese Zeit galt gleichzeitig als Ersatzdienst für die Bundeswehr, Ulli war Wehrdienstverweigerer.
In Ecuador hat er die ersten praktischen Berufserfahrungen gemacht. Anschließend hat er in Reading (England) ein Aufbaustudium absolviert und ist nun Diplom-Ingenieur.
Er bewarb sich bei der "Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit" (GTZ) in Eschborn, die für die Bundesregierung Projekte der Entwicklungshilfe in der Dritten Welt durchführt. Seitdem arbeitet in ihrem Auftrag: zuerst drei Jahre in Honduras, dann fünf Jahre in Peru. In den letzten drei Jahren in Peru war er Leiter eines landwirtschaft-lichen Projekts. Seit dem 1. 1. 1989 lebt die junge Familie Mohr in Deutschland. Ulrich arbeitet in der Zentrale der GTZ als Ländergruppenleiter. Er ist verantwortlich für die deutsche Entwicklungshilfe in Peru, Ecuador und Kolumbien, und fliegt jährlich fünf- bis sechsmal für mehrere Wochen hin, um zu beraten und zu kontrollieren.
Während seines Studiums in England wurde am 18. 8. 78 der Sohn Nicolas geboren, und während der Tätigkeit in Honduras folgte am 2. 1. 81 die Geburt der Tochter Melanie in der Hauptstadt Tegucigalpa. Alle leben nun glücklich in Friedrichsdorf/Taunus.
Unser Vater verließ uns für immer am 7. 4. 1972, seinem 80. Geburtstag.
Ich war noch einmal Lehrerin in unserer Neuenkirchener Schule vom 1. 8. 1969 bis zum 1. 8. 1980.