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Kapitel 20


Torfstechen, Kleigraben und Kuhlen



Bis 1950 etwa haben unsere Männer den weitaus größten Teil unseres Brenn- und Heizmaterials, den Torf, selbst gestochen. In Steinau gab es 2 Bauern, die uns Torfflächen verpachtet hatten. Im Frühling fuhren an mehreren Tagen einige unserer Männer und die Flüchtlingsfrauen frühmorgens ins Torfmoor. Sie nahmen viel und kräftige Nahrung mit, denn das Torfstechen ist eine schwere Arbeit. Die Männer standen in der Grube und schnitten mit ihren großen Torfmessern die Soden aus der nassen Moormasse. Die Frauen packten sie auf ihre Karren und stellten sie auf einem trockenen Erdstreifen in Ringeln auf. Die Torfstücke waren triefend naß und mußten lange trocknen. Nach mehreren Wochen fuhren wieder mehrere Leute ins Moor, um die Ringel umzupacken. Die unteren Soden kamen dann nach oben. Im Herbst wurde der gebrauchsfertige Torf mit großen Ackerwagen geholt und auf den Hillen über dem Pferdestall aufbewahrt. Je dunkler und schwerer die Soden waren, umso wertvoller waren sie.
Die Äste der Kopfbäume waren damals das zweitwichtigste Heizmaterial. Briketts wurden nur zum Gluthalten gekauft und gebraucht.
Unser alter Wallach Fritz mußte immer die Wagen bis zu den Torfbauern ziehen. Wenn wir ihn später sonntags vor die Kutsche spannten, um einen Ausflug nach Bederkesa zu machen, wollte unser treues Pferd regelmäßig an den beiden Stellen, wo die Torfbauern wohnten, von der Straße abbiegen. Er mußte mehrmals gebeten werden, doch geradeaus weiterzugehen.
Weitere schwere Arbeiten waren das Kleigraben und das Kuhlen. Die Entwässerungsgräben zwischen den Ackerstücken mußten von Zeit zu Zeit ausgegraben werden. Dieser Schlick - Klei - wurde über die Felder verteilt. In Handarbeit natürlich.
Jeder Kleigräber bekam die Meterzahl, die er am Tag schaffen mußte, vorgegeben. Er brauchte keine andere Arbeit zu leisten und konnte sich seine Zeit einteilen. Er warf zu Anfang an einer zweckmäßigen Stelle einen kleinen Erdwall in den Graben, über den hinweg er das vorhandene Grabenwasser schöpfte, um überhaupt die schlammige Erde ausgraben zu können.
Beim Kuhlen wurden auf der höchsten Stelle des jeweiligen Stückes ein paar Quadratmeter Mutterboden abgegraben und auf einen Haufen geworfen. Dann wurde ein rundes Loch gegraben von etwa 1,20 m bis 1,50 m Durchmesser, das mit zunehmender Tiefe tonnenförmig erweitert wurde. Nun mußte zunächst die unbrauchbare Lehmschicht seitlich abgelegt werden, bis in einer Tiefe von etwa 1,50 m die Kleierde erreicht war. Diese wurde "Spitt für Spitt" abgegraben und in einigem Abstand vom Loch pyramidenförmig aufgeschichtet. Ab einer Tiefe von etwa 2 m mußte ein Helfer die Erde abnehmen. Mit einer hölzernen Schaufel fing er die Erde auf und legte sie auf dem angefangenen Haufen ab. Wenn nicht zuviel Grundwasser eindrang, wurde bis 4 m Tiefe gegraben. War ersteres der Fall, gab es noch die Möglichkeit, in die Seitenwände backofenförmige Löcher zu graben. Manchmal bildeten sich Risse und es bestand Einsturzgefahr, sodaß der Kuhler auf einer herabgelassenen Leiter das Loch verlassen mußte. Es ist vorgekommen, daß Personen verschüttet wurden und ums Leben gekommen sind. Der Aushub vom nächsten Kuhlloch bis zur Kleischicht wurde in das erste Loch geworfen und mit Mutterboden aufgefüllt. Im Frühjahr wurde die Kuhlerde über den Acker verteilt. Diese "gekuhlten" Stücke waren dann eine ganze zeitlang besonders fruchtbar.
Diese Art der Bodenverbesserung muß aus der kunstdüngerlosen Zeit stammen. Was haben die Menschen schuften müssen in der "guten alten Zeit"!