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Kapitel 6


Unsere Flüchtlinge



Kurz vor Kriegsende, im Februar und März 1945, kamen viele tausend Flüchtlinge in unser Land. Wilhelm mußte als Bürgermeister von Neuenkirchen hunderte von ihnen in unserem Dorf unterbringen. Zu uns auf den Hof kam die Familie Hahn: Großmutter, Mutter und drei Kinder - Herr Hahn war noch Soldat - und außerdem kam Opa Littkowski mit seiner Tochter, Frau Dorau. Hahns kamen mit der Bahn, Opa und Tochter mit einem Pferdefuhrwerk. Hahns kamen aus Ostpreußen, Littkowskis aus Posen.
Für Hahns richteten wir das Große Zimmer (Nr. 6) ein, Frau Dorau bekam das Zimmer 8 (alle Zimmernummern siehe Grundriß I) und ihr Vater schlief in der früheren Mägdebutz unter der Bodentreppe.
Einige Wochen später - Wilhelm war schon interniert - mußten wir noch weitere Flüchtlinge aufnehmen. Es gab damals eine Wohnungskommission, die befugt war, Räume zu beschlagnahmen. Wir mußten die Räume 4 und 5 abgeben (Wilhelms Schlafzimmer und das Fremdenzimmer dahinter). Hahns baten darum, diese Räume übernehmen zu dürfen, obwohl sie kleiner waren als das Große Zimmer. Frau Manthey, eine weitere Tochter von Opa Littkowski, zog mit ihren 4 Kindern in das Zimmer 6. (Auch Herr Manthey war noch Soldat). Mutter Mohr rief ganz aufgeregt an, wie ich es wagen könnte, Wilhelms Schlafzimmer abzugeben, er könne doch jeden Tag zurückkommen. - Leider blieb er 2 Jahre und 4 Monate fort.
Im Laufe des Juni 45 wurden die damaligen Kriegsgefangenen und die polnischen Zwangsarbeiter entlassen und verließen den Hof. Als männliche Arbeitskräfte hatten wir dann längere Monate nur entlassene deutsche Soldaten, die, aus welchen Gründen auch immer, noch nicht in ihre Heimat zurückkonnten. Unsere beiden Flüchtlingsfrauen, Frau Hahn und Frau Dorau, arbeiteten fleißig im Haus und auf dem Hof mit. Dafür wurden alle Angehörigen vom Hof verpflegt. Herr Hahn fand seine Familie durch den Suchdienst bei uns und kam her. Er war vor dem Krieg Amtmann im Verwaltungsdienst. Jahrelang fand er keine Arbeit in seinem Beruf, arbeitete darum auf dem Hof mit. Als Bauernsohn konnte er mit Pferden umgehen und arbeiten. Das war sein und unser Glück. - Herr Manthey kam erst später aus der Gefangenschaft zurück. Er fand als ausgebildeter Müller bald Arbeit in der Mühle Grefe in Otterndorf. (Weiteres im 9. Kapitel "Wohnen auf dem Hof von 1945 bis 1950").