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Kapitel 28


Weihnachten, Ostern und Erntedank zu meiner Zeit



Weihnachten

Eine gemeinsame Weihnachtsbescherung gab es meines Wissens auf unserem Hof zu keiner Zeit. Es gab in der Leutestube einen eigenen Weihnachtsbaum, den der jüngste der "Männer" schmücken durfte. Unter ihn wurden die Geschenke für die Männer gelegt. Sie waren recht bescheiden: Manchesterhosen, warme Unterwäsche, Wollsocken, einige Taschentücher und für jeden ein großer "bunter Teller".
Die Mädchen bekamen Geschenke im Wert eines Monatslohns. Auf Wunsch gab es einen Kleiderstoff, Bettwäsche für die Aussteuer, eine Armbanduhr und etwas Schönes immer noch dazu: Parfum, einen Seifenkarton, evtl. ein Kochbuch, das richtete sich nach den Interessen und der Beliebtheit jeder einzelnen. Den Mädchen wurden die Geschenke nach dem Mittagessen im Wohnzimmer übergeben. Einen bunten Teller bekamen sie natürlich auch.
1948 gab es zum letzten Mal am Abend des 24.12. das Festessen. Es gefiel weder den Mädchen noch mir, daß wir anschließend erst gegen 20 Uhr die Küche sauber und aufgeräumt hatten. Da der Nachmittag des Heiligen Abends sowieso arbeitsfrei war, (nur das Vieh mußte natürlich versorgt werden), setzte ich es durch, daß es schon zu Mittag für jeden Tisch eine Gans mit Rotkohl, Apfelmus, Hadler Klüten, Kartoffeln und einen besonders guten Pudding gab. Die Männer übernahmen mit der vorverlegten Stallarbeit auch das Melken und die Mädchen machten die Küche "schier". So konnten alle gegen 5 Uhr, mit Kuchen und belegten Broten versorgt, nach Haus gehen.
Das war herrlich! Meine kleine Familie hatte dann den Weihnachtsabend ganz für sich allein. An den Feiertagen wurde nur soviel getan, daß Menschen und Vieh gut ernährt wurden. An den einzelnen Tagen hatten jeweils nur zwei Männer und ein Mädchen Dienst. Da ich deshalb an beiden Tagen voll da sein mußte, machte ich den 27. Dezember zu meinem persönlichen Feiertag und lud mir meine Freundin Wilma ein.
Silvester durfte auf unserem Hof nicht geschossen oder geböllert werden. Die Erinnerungen an den Krieg waren noch zu frisch. Sobald die Kinder laufen konnten, bastelte sich ihr Vater einen Flitzebogen und schoß mit ihm brennende Wunderkerzen in den dunklen Nachthimmel. Das war ein wunderschönes Spektakel für die Kleinen.
Ansonsten gab es wieder viel gutes Essen (Vullbuuksobend!), Süßigkeiten und Obst. Für uns Eltern gab es eine gute Flasche Wein.
"Vullbuuksobend" war ein gängiger Begriff: Wer satt und zufrieden ins neue Jahr kam, brauchte im kommenden Jahr keine Angst vor Hunger und Not zu haben.



Ostern

Wir hielten auf dem Hof immer viele Hühner, 40 bis 60 Stück. Die meisten anfallenden Eier wurden verkauft. In jeder Woche gab es eine Eiermahlzeit und natürlich wurden eine ganze Reihe zum Kochen und Backen verbraucht. Ostern aber gab es "Eier satt!" Jeder Mann und jedes Mädchen bekam 12 gekochte Eier zum sofortigen Essen und 12 rohe Eier für zu Haus. Das gab ein Wettessen! Die ganz Starken aßen auch Eier mit Schale! Eierpicken war ein beliebtes Spiel: Zwei Spieler nahmen je ein gekochtes Ei in die Hand und versuchten mit ihm, das Ei des Gegners zu beschädigen, ohne daß das eigene Ei zerbrach. Der Sieger durfte das angepickte Ei des Gegners behalten. Am 2. Ostertag kam nochmal eine große Schüssel mit Eiern auf den Tisch der Leutestube, sie wurde aber nur langsam leer.



Erntedankfest

Der Sonnabendnachmittag vor dem kirchlichen Erntedankfest war zu meiner Zeit arbeitsfrei. Es gab mittags ein besonders gutes Essen, meistens Hadler Hochzeitssuppe, und am Nachmittag gab es Butterkuchen und Cremeschnitten satt. Wenn das Vieh versorgt war, ging das junge Volk zum Tanzen ins Gasthaus Tamm. (Damals war der normale Sonnabend noch ein voller Arbeitstag!) Am Sonntag gingen wir Eltern gemeinsam zum Gottesdienst, was sonst nur sehr selten vorkam. Es war einer der wenigen Tage, an denen die Kirche gut besucht war.