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Kapitel 14


Die Getreideernte



Die Getreideernte war nach allem, was mir mein Mann und auch Herr Hülsmann - ein ehemaliger langjähriger Oberknecht auf unserem Hof erzählte -, vor dem 1. Weltkrieg etwas ganz Besonderes, bei aller Arbeit beinah ein Fest.
Alles Korn musste mit Sensen oder Sicheln geschnitten werden. Bei ca. 30 ha Getreidefläche war das ein großen Angehen. "Alles was Beine hatte" musste helfen. Auch die Mohrensöhne, sobald sie konfirmiert waren. Mit der Konfirmation hörte bei den meisten Bauernsöhnen der Schulbesuch (auch der Realschulbesuch) auf. Zu den normalen Hofarbeitern wurden in der Erntezeit noch mehrere Tagelöhner eingestellt.
Um vier Uhr morgens wurde geweckt. Es gab dann nur einen Schnaps und ein Glas Milch und los ging die Arbeit. Die Mäher wetteiferten miteinander, wer am schnellsten war. Die Jugendlichen mussten das Getreide zu Garben binden und zu Hocken aufstellen. Wilhelm erzählte, dass er immer schon noch einer Arbeitsstunde vom Tau im Getreide nass bis auf die Haut gewesen sei. Trotzdem war man meistens guten Mutes.
Gegen den Durst gab es immer wieder selbstgebrautes Bier, Milch und ab und an einen Schnaps. Um 1/2 7 Uhr brachten die Mägde eine volle Mahlzeit aufs Feld. Meistens gab es "Speck und Klüten" (Rind- u d Schweinefleisch zusammen mit Steckrüben und Möhren gekocht, dazu Hadler Klüten und Backobst). Für diese und alle vollen Mahlzeiten wurde ein Leinentuch auf die Erde gelegt und darauf die Teller und das Besteck verteilt. Um 10 Uhr gab es belegte Brote und mittags meist einen kräftigen Eintopf. Am frühen Nachmittag war Arbeitsschluss. Diese Arbeitszeiten wurden eingehalten, weil das Mähen im Tau und vor der Sonnenhitze am leichtesten ging.
Die Getreidehocken blieben zum Nachreifen und Trocknen auf dem Feld länger stehen. Später wurden sie in die Kornscheune gefahren und im Herbst und Winter mit Flegeln ausgedroschen. Die Sicheln waren eigentliche kleine Sensen mit halblangem Stiel. Dazu gab es für die linke Hand einen Holzstab mit einer gebogenen Eisenspitze. Die beiden Dinge wurden gebraucht, wenn das Getreide durch starken Regen oder Sturm plattgedrückt auf der Erde lag. Es wurde dann mit dem Holzstab angehoben und mit der Sichel abgeschlagen.
Auf unseren Hof kam schon 1912 der erste "Selbstbinder". Ein Wunderding! Aber liegendes Getreide musste auch dann noch mit der Sichel gemäht werden.
Eine solche Sichel ist noch vorhanden, ebenfalls zwei Tonkrüge, mit denen das Bier zum Feld getragen wurde und ein hölzerner, mit einem Riegel versehener Deckel für den Milcheimer, der auch aus Holz war.