Als ich 1945 auf den Hof kam, war die Wasserversorgung beinahe noch so primitiv wie vor 100 Jahren.
In der Küche stand eine Schwengelpumpe. Sie förderte bräunliches Grundwasser zutage, das nur zum Abwaschen und zum Feudeln (Aufwischen) gebraucht werden konnte. Das "Trinkwasser" mußte aus dem Wasserkeller unter dem Backhaus geholt werden. Das Backhaus war das einzige Gebäude auf dem Hof, das eine feste Bedachung (Dachpfannen) hatte. Alle anderen Gebäude waren mit Reeth gedeckt. Unter dem Backhaus war (und ist) ein gemauerter und mit Zement verputzter Wasserkeller von ca. 8 cbm Größe.
Das Regenwasser vom Backhausdach wurde durch Regenrinnen in einen gemauerten Filter geleitet, der an der westlichen Außenwand angebracht war. In diesem Filter waren in zwei Kammern feiner Kies bzw. Sand. Das Regenwasser sickerte hindurch und gelangte dann "sauber" in den Keller. Im Backhaus gab es ebenfalls eine Pumpe, mit der man das Wasser hochholte. Es wurde dann in Eimern in die Küche getragen. Die Eimer hatten dort ihren festen Platz auf einer niedrigen Wasserbank. Eine Schöpfkelle hing dauernd in einem der Eimer. Wir Frauen bemühten uns, das Wasser sauber zu halten. Unsere "Männer" waren weniger zimperlich. Der ca. 80jährige Flüchtlingsopa Littkowski z. B. trank, wenn er Durst hatte, aus der Kelle, schöpfte noch einmal nach und goß den Rest in den Eimer zurück. Wehe, wenn er dabei erwischt wurde!
Seit 1936 gibt es im Dorf eine Wasserleitung und in der Dorfesmitte einen Hydranten. Seitdem gab es auf dem Hof einen Wasserwagen: ein neues verzinktes Faß lag auf einem kleinen Plattformwagen. Wenn das Regenwasser knapp wurde, wurde mit diesem Wagen Wasser aus dem Dorf geholt und in den Wasserkeller geleitet. Nur wenn wir schlachteten oder die Dreschmaschine auf den Hof kam, durfte der gefüllte Wagen unter den Küchenfenstern stehen. (Das sah nämlich nicht besonders gut aus.) So war das Wasserholen leicht, wir brauchten dann ja auch besonders große Mengen.
Mein Mann erzählte mir, daß früher, bevor die Wasserleitung im Dorf war, in regenarmen Zeiten Wasser aus dem Graben zwischen Kohlhof und Gemüsegarten geholt wurde. Ein Steg (den ich noch gesehen habe) lag über dem Graben. Die Dienstmädchen gingen mit dem Tragholz über den Schultern, an dem zwei Eimer hingen, auf den Steg, gingen in die Hocke, ließen beide Eimer zugleich ins Wasser und holten sie - mit Schwung - gefüllt hoch. Dieses Wasser wurde dann durchgesiebt und war "gebrauchsfertig"! Dieser Graben, so wurde mir versichert, wurde immer besonders sauber gehalten! (Ihn hat Ulli 1980 zu einem Teich vergrößern lassen).
Ein uralter Wasserfilter aus Ton steht noch auf dem Boden. Wie er aber funktionierte, konnte mir bisher niemand sagen...
Während einer Geschichtsstunde in meiner Briloner Schule hat man uns erzählt, der römische Berichterstatter Tacitus habe zur Zeit Christi treffend geschrieben: "Die Germanen am Nordmeer stehen bis zum Hals im Wasser, haben aber keines zum Trinken!"
In der Viehdiele stand auch eine Wasserpumpe an einem großen gemauerten Bassin. Dort wurde im Winter täglich Grundwasser für die Kühe hochgepumpt und in die Selbsttränken geleitet. Die Pferde wurden jeden Morgen und jeden Abend losgebunden, um zum Trinken zu der Börm (Pferdetränke), dem nordöstlichen Teil des Hofgrabens, gehen zu können. Im Winter mußte das Eis ständig aufgeschlagen werden, denn die Pferde weigerten sich, Pumpenwasser zu trinken.
Bald nach dem Krieg haben wir versucht, uns einen eigenen Brunnen für Trinkwasser bohren zu lassen. Man hatte in unserer Umgebung gute Wasseradern gefunden. Wochenlang haben Männer einer Bohrfirma versucht, Bohrer tief genug in die Erde zu bringen. Vor der Leutestube passierte das. Wie tief sie gekommen sind, weiß ich nicht mehr. Auf jeden Fall stießen sie zuletzt auf eine undurchdringliche Felsenschicht. Als mehrere Bohrer abbrachen, gaben die Männer enttäuscht auf. Noch enttäuschter aber waren wir! So schöne Hoffnungen waren futsch, viel Geld auch, und wir hatten diese Männer wochenlang kostenlos gut verpflegt!