Als nach der Kapitulation 1945 für die Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter "die große Freiheit" kam, kam für viele Deutsche die große Angst.
Da im Krieg die Ernährung der Zivilbevölkerung sichergestellt werden mußte, durften die Bauern älteren Jahrgangs auf ihren Höfen bleiben. Die kriegsdienstfähigen landwirtschaftlichen Arbeiter wurden eingezogen, als Ersatz wurden polnische Zwangsarbeiter zugewiesen.
Laut Verfügung sollten die Polen als Menschen 2. Klasse behandelt werden. Sie sollten dauernd unter Aufsicht stehen, durften den Hof nur in Ausnahmefällen verlassen, durften nicht mit deutschen Arbeitern zusammen wohnen oder essen, sollten sogar zweitrangige Nahrung bekommen.
Wir hatten auch eine polnische Zwangsarbeiterfamilie: Ludwig, Hansie und 3 Söhne. Die Söhne waren ca. 18, 15 und 8 Jahre alt. Mein Mann setzte sich über die Verordnung der Regierung hinweg, behandelte die Familie so normal wie alle seine Leute, richtete ihr die Schlafkammer neben der Diele ein und ließ sie in der Leutestube wohnen und essen. Sie bekam auch die gleiche Kost wie alle im Haus, Wilhelm sorgte auch für Kleidung und machte ihnen gern eine Freude mit dem raren Tabak oder kleinen Süßigkeiten. Peter, der jüngste der Söhne, wurde besonders gut behandelt. Er bekam sogar Spielzeug, das mein Mann von seinen Neffen erbat.
Als nun - wie gesagt - die große Freiheit kam, schlossen sich die Polen, die schlecht behandelt worden waren, zusammen, um Rache zu üben. Ausgangspunkt war Otterndorf, wo eine große Gruppe zusammenkam. Im Ortsteil Müggendorf wurde ein Ehepaar erschossen, Gebäude wurden beschädigt, Fenster (damals unersetzlich) wurden eingeschlagen, Keller und Rauchkammern geplündert.
Eines Tages kam auch eine Gruppe nach Neuenkirchen. Auf Adolf Langes Hof (er selbst war in Kriegsgefangenschaft) wüteten sie tüchtig. Vor allem die Rauchkammer und ein großer Wäscheschrank wurden leergemacht. Guste Lange rief bei ihrem Schwager Wilhelm an, bat um Hilfe und warnte ihn. Wilhelm wiederum gab die Warnung an seine Nachbarn Köser und uns weiter und ging dann den Polen entgegen.
Mit dem Hinweis, die Polen seien doch im Süderende nicht schlecht behandelt worden, versuchte er, sie zu beruhigen. Das gelang ihm aber kaum. Sie sagten, sie würden dann erstmal zum Bürgermeister gehen und mit dem abrechnen, der habe die Zwangsarbeiter ja angefordert.
Der Bürgermeister war Wilhelm Mohr, mein späterer Mann! Ich weiß nicht, wie Wilhelm Lange es geschafft hat, zu Kösers zu kommen, jedenfalls kamen die beiden Nachbarn zusammen bei uns an, jeder mit einem Hammer bewaffnet. Wir Frauen wurden in den Keller geschickt, die drei Männer wollten das Haus verteidigen.
Der Pole Ludwig war mit seiner Familie in der Leutestube. Er bemerkte die Aufregung und fragte, was los sei. Als er hörte, daß sich eine Gruppe Polen über die Worth dem Hof näherte um zu plündern, nahm er sofort seine Frau Hansi an die Hand und ging seinen Landsleuten über die Worth entgegen. wir konnten nur sehen, daß beide mit erhobenen Händen abwinkten und auf polnisch laut riefen. Es entstand ein heftiges Palaver mit vielem Hin und Her, nach einer Weile zog aber die Gruppe tatsächlich ab. Unsere Erleicherung war groß! Als Ludwig und Hansi zurückkamen, fragten wir sie, wie sie das geschafft hätten. Ludwig sagte dann: "Wir gesagt, hier nix machen kaputt, Chef gut, ganz gut! Alles Ordnung! Geht nach Haus!" Und so geschah es.
Auch von Ludwig besteht ein Leumundszeugnis (und ist noch in meinem Besitz).