Bevor die Familie Pinnow einzog, haben wir die Räume westlich des großen Flures zu einer Wohnung für uns, die Familie Mohr, umbauen lassen. (Siehe Grundrißzeichnung 1957).
Für Pinnows unterteilten wir den großen Flur und schafften so in seinem nördlichen Teil zwei Schlafzimmer für die Pinnowschen Kinder. Wir (bzw. ich) wohnten in der neuen Wohnung von 1957 bis 1977. Als nach Pinnows auch Penners die Hauptwohnung räumten, war sie sehr heruntergekommen. Wir vermieteten sie deshalb an 3 jungen Leute, die nur wenig Miete bezahlen, dafür aber die Wohnung gründlich renovieren wollten. Bei den Mietgesprächen sagten sie, daß sie viel Besuch haben möchten, ob ich damit einverstanden sei. "Wenn sich der Besuch gut benimmt, was sollte ich dagegen haben?", war meine Antwort. Ich hatte ja keine Ahnung, was auf mich zukommen würde.
Mit dem Renovieren haben sie auch mit Elan begonnen. Sie haben die Trennwand zwischen den beiden Wohnungen isoliert und die Seite zur Sala getäfelt. Leider war damit aber auch so gut wie alle Luft raus.
Ulli und seine Frau Elisabeth waren zu der Zeit in Ecuador, ich also allein vor Ort. So waren die jungen Leute gar nicht bange. Die Freunde kamen, erst zu Besuch, dann als Dauergäste und allmählich machten alle in der Wohnung, was sie wollten. Ich merkte das erst sehr spät, denn ich war an den Vormittagen bis 13 oder 14 Uhr in der Schule, und alles, was Lärm machte, betrieben die jungen Leute in meiner Abwesenheit. Sie bauten in mehrere Zimmer Pfeiler ein, um Halterungen für Hochbetten zu schaffen, brachen in die Trennwand zwischen dem Raum 3 und dem Stallteil ein großes Loch, durch das sie mit Hilfe einer Leiter einen von ihnen geschaffenen Schlafplatz auf den Hillen erreichen konnten. Ich konnte von meiner Wohnung aus nicht auf die Hausböden kommen, also brachten sie auf dem dritten Boden Pressplatten an, um mehr Wohnraum zu schaffen. Als sie dort oben das Musizieren anfingen, habe ich zum ersten Mal entschieden protestiert. Daß sie inzwischen in den Wohnräumen die Wände dunkelblau und Fenster und Türen lila angestrichen hatten, habe ich nicht bemerkt. Die Wohnung zu kontrollieren hatte ich lange Zeit keinen Anlaß und auch keinen Mut, ich hörte ja keine bedenklichen Geräusche und wenn wir uns draußen trafen, waren alle immer höflich und nett zu mir.
Dann aber richteten sie den südlichen Teil des großen Flures (Sala) zu ihrem Versammlungsraum her, bestückten ihn mit Musikinstrumenten und den dazugehörigen elektrischen Verstärkern und machten Musik bis in den Morgen hinein. Ich verlegte mein Schlafzimmer, das an die Sala grenzte, in das ehemalige Kinderzimmer, aber auch dort vibrierten die Wände, sobald Musik ertönte. Es war wahrhaft fürchterlich!
Die Gruppe war inzwischen auf 20 oder mehr Menschen angewachsen. Sie hatten fast alle lange, ungepflegte Haare oder Bärte, die Mädchen trugen Flatterröcke bis auf die Füße, die Männer abgetragene Klamotten, draußen liefen alle in abgeschnittenen Gummistiefeln herum, etc... Statt mir zu helfen, den Hofplatz zu pflegen, wie wir es abgemacht hatten, ließen sie alles verkommen und versuchten, im hohen Gras Bretterhütten zu bauen - "um sich von dem Trubel absetzen zu können". Da habe ich den Mut gehabt und gesagt, ich würde einen Trecker mit einer Mähmaschine bestellen, die alles abmähen würde, Gras und Hütten. Das hat tatsächlich geholfen!
Dem ganzen Spuk ein Ende zu machen, war ich einfach zu feige. Ich hatte tatsächlich Angst, sie könnten mir das Haus anstecken! Zu meiner großen Freude ergab sich für die Hippies eine Gelegenheit, die Gebäude eines aufgegebenen Hofes kaufen zu können. So wurde ich sie glücklich nach 2 Jahren ohne Schwierigkeiten los. Sie hinterließen eine völlig demolierte Wohnung, ganz viel Dreck, Abfall, der einen Gummiwagen füllte und die unbezahlte Miete für mehrere Monate.
Während der ganzen "Hippiezeit" hatte ich zudem draußen halb abgebrochene und dann langsam verfallende Scheunen vor Augen. - Doch dazu mehr im nächsten Kapitel "Hans Busch".
P.S. Ich vergaß im Anfang zu erzählen, daß die drei jungen Mieter, mit denen ich den Mietvertrag abgeschlossen hatte, ein verlobtes Paar und deren gemeinsamer Freund waren. Die Eltern der jungen Frau und des Freundes waren mir und auch der Maklerin, Frau Steenwerth, die mir die Mieter vermittelte, bestens bekannt. Es waren angesehene und wohlhabende Leute!! Wer hätte solche Auswüchse vorausgesehen?