Im Jahr 1950 wurden die "Verordnungen für die Hausschlachtungen", die im Krieg galten, aufgehoben. Es wurde wieder geschlachtet wie vor 1939.
Anfang November, wenn das Jungvieh aufgestallt wurde, begann die Versorgung mit Fleisch für den Winter. Wir schlachteten zuerst eine junge Queene (weibliches Rind) von etwa drei Jahren und ein Schwein. Queenen liefern das zarteste Rindfleisch. Rind- und Schweinefleisch zusammen ist sehr vorteilhaft zum Herstellen verschiedenster Wurstsorten.
Wenn der Schlachter das Haus verließ, begannen für uns Hausfrauen viele schwere und meist unangenehme Arbeitstage. Wir freuten uns, wenn es draußen kalt war, denn alles Fleisch, was gebraten und eingeweckt werden sollte, musste auf dem Hausboden in Zugluft aufgehängt werden. An eine elektrische Kühl- oder gar Gefrieranlage war damals noch nicht zu denken. Bei mildem Wetter begann für uns der Wettlauf mit den schwarzen Brummern!
Alles Fleisch das geräuchert werden sollte, wurde vorher für einige Wochen in einem riesigen Holzbottich im Keller eingesalzen (gepökelt). Das Fleisch für Koch- und Dauerwürste hatte der Schlachter bereitgelegt.
Zuerst wurde das Fleisch für die Kochwürste im großen Wäschetopf im Backhaus gekocht und von uns dann zerkleinert und zur Wurstmasse hergerichtet. Sie wurde zum Teil in Därme, zum Teil in Blechdosen gefüllt. Die Dosen mussten zum Verschließen ins Dorf zum Geschäft Seidler gebracht werden. Nach und nach kamen dann die Würste und die Dosen noch einmal zum Kochen in den Wäschetopf. Das Reinigen der Därme war wohl die schlimmste Arbeit von der ganzen Schlachterei!
Während die Kochwürste abkühlten, zerkleinerten wir das Fleisch für die Dauerwürste, würzten es und füllten es mit einer großen Wurststopfmaschine aus dem vorigen Jahrhundert in Kunstdärme. Alle Würste brachten wir auf den zweiten Hausboden und hängten sie in der Rauchkammer auf. Verbunden mit der Rauchkammer war ein - heute noch vorhandener - Raum zum Aufbewahren der fertigen Rauchwaren.
Das Räuchern war zum größten Teil meine Aufgabe, nur im Notfall sprang mein Mann für mich ein. Es war eine sehr verantwortungsvolle Sache: ich füllte in der Rauchkammer einen alten gußeisernen Topf - Relikt aus der Zeit des offenen Herdfeuers - mit Buchensägemehl. Auf einer Schaufel brachte ich dann ein durchgeglühtes Brikett die zwei Stockwerke hoch und legte es auf das Sägemehl. Damit keine Flamme entstehen konnte, scharrte ich etwas Sägemehl über die Glut. So entstand der notwendige Rauch. Würste wie Fleisch mussten im richtigen Abstand vom Räuchertopf hängen, um nicht heiß zu werden. Sie wurden sonst fast ungenießbar.
Der Gluttransport war reichlich gefährlich. Die drei Hausböden bestanden und bestehen ja aus knochentrockenem Holz, nur die Wände der Rauch- und Vorratskammern sind aus Stein. Um eine Brandgefahr möglichst auszuschließen, betrauten wir keines der Hausmädchen mit dem Geschäft des Räucherns. (Es musste monatelang jeden Tag geschehen).
Die Würste räucherten also leise vor sich hin. Wir Frauen hatten aber noch viele Tage reichlich zu tun mit dem Zerkleinern und Zerlassen von Speck zu Schmalz und dem Anbraten und Einkochen von Gulasch und Braten, Hackfleisch und Klößchen etc., etc... Langsam aber sicher wurden Fußboden und Möbel in der Küche trotz häufigen Säuberns immer fettiger und glatter. Wenn alles Fleisch verarbeitet war, kam dann das ganz große Reinemachen!
Beim "großen Schlachten" (Rind und Schwein) hat mir mehrere Jahre meine Nachbarin Else Lange, meine "Neuenkirchener Mutti", geholfen. Ich habe mir jeden Abend aufgeschrieben, was und wie wir gearbeitet haben. Ich musste ja alles erst lernen!
Ca. 14 Tage vor Weihnachten wurden dann Gänse und Enten geschlachtet, gerupft und verkauft. (Ich war bemüht, jährlich 20 Gänse und 30 Enten aufzuziehen und zu mästen). Wir behielten nur wenige Tiere als Festtagsbraten, den Verkaufserlös brauchten wir zum Kaufen der Weihnachtsgeschenke für die Familie und unsere Leute. Die Federn brauchte ich nötig zum Füllen neuer Betten. Die Betten, die ich übernommen hatte, waren zum größten Teil alt. Alle, die vor der Ankunft der Flüchtlinge nicht im Gebrauch der Familie und der Leute waren, wurden den Flüchtlingen übergeben und blieben auch in deren Besitz.
Im Januar wurden dann noch einmal zwei Schweine geschlachtet und im Februar oder gar März das letzte.
Schweineschlachten allein machte nicht so viel Arbeit wie Rind und Schwein zusammen, aber Freude hat mir diese Arbeit nie gemacht.