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Kapitel 29


Die Verpachtungen



In den ersten 50er Jahren veränderte sich die Situation der landwirtschaftlichen Arbeitskräfte außerordentlich. Viele wurden abgeworben für den Kohlenbergbau im Ruhrgebiet. Damit steigerten sich die Lohnforderungen der zurückgebliebenen Arbeiter mehr und mehr. Um Löhne zu sparen, kauften sich einige junge Bauern die ersten Trecker in unserer Gegend. Allgemein wurde die Ansicht vertreten, daß für unsere schweren Marschböden Trecker das Verderben sei. Mein Mann war absolut dieser Ansicht. Außerdem hätte er, 60 bis 65 jährig, völlig umlernen müssen, um mit all den Maschinen und Geräten wirtschaften zu können. Auch finanziell wäre eine gewaltige Belastung auf ihn zugekommen. Dazu kam, daß sein Sohn und Erbe erst um die 5 Jahre alt war.
Also empfahl uns die Kreisbauernschaft, den Betrieb zu verpachten. Das war ein schwerer Entschluß. Die Verpachtung wurde verschoben und verschoben. Als dann 2 junge Leute zum 1.4.57 kündigten, um auch ins Industriegebiet zu ziehen, mußte alles wegen der kommenden Frühjahrsbestellung sehr schnell gehen.
Aus dem Kreis der Bewerber wählten wir die Familie Pinnow, Flüchtlinge aus Mecklenburg, als Pächter. Herr Pinnow war zwar auch so alt wie Wilhelm, hatte aber 5 Kinder im Alter zwischen 15 und 23 Jahren, die alle auf dem mecklenburgischen Hof des Vaters großgeworden und landwirtschaftlich ausgebildet waren. Wir waren der Meinung, diese Leute würden mit soviel eigenen Arbeitskräften gut fertigwerden auf unserem Hof. Sie wurden außerdem als Flüchtlinge vom Staat (Landw. Siedlungs- gesellschaft) finanziell gewaltig unterstützt.
Leider haben wir uns in der Qualität der Familie getäuscht. Bei der Arbeit verließ sich eins der Kinder auf das andere und bald machte sich ein großer Schlendrian auf dem Hof breit. Trotz einer weiteren finanziellen Spritze vom Staat (nach 3 Jahren 30.000,-- DM) waren sie nach 6 Jahren so verschuldet, daß sie abziehen mußten.
Zur Begründung seiner Pleite gab Herr Pinnow bei der Siedlungsgesellschaft an, die "minderwertige Qualität unserer Ländereien" und die hohe Pacht hätte sein Unternehmen kaputtgemacht.
Als sich das junge Ehepaar Penner, (auch Flüchtlinge), bei der Siedlungsgesellschaft um die Pinnowsche Nachfolge bewarb, wurden wir veranlaßt, auf einen Teil der Pachtsumme und jegliches Deputat zu verzichten. Das Ansehen unseres Hofes hatte gelitten, wir standen unter Druck.
Die neuen Pächter schlossen mit uns einen Pachtvertrag für die Dauer von 15 Jahren ab. Sie waren fleißig und arbeiteten sich bald ein. Nach 11 Jahren, 1974, bat Herr Penner um Entlassung aus seinem Vertrag. Er war in der Lage, sich einen eigenen Hof zu kaufen. Das dazu nötige Kapital hatte er sich - ohne mitarbeitende Kinder - auf unserem "minderwertigen" Hof verdient!!
Mein Sohn Ulrich war gern einverstanden. Er wollte - wie schon gesagt - den elterlichen Hof nicht bewirtschaften und studierte z. Z. im Tropeninstitut in Witzenhausen. Er konnte nun die alten, für die moderne Wirtschaft nicht mehr geeigneten Scheunen, abreißen lassen und die Ländereien parzellenweise an unsere Nachbarn und Anlieger verpachten. Für uns fielen die Unterhalts- und Versicherungskosten für die Scheunen weg , und die andere Art der Verpachtung brachte für uns wesentlich mehr Geld.
Wir, die Familie Mohr, haben vom Beginn der Verpachtung 1957 an bis zum Tod des Familienvaters 1972 hauptsächlich vom Ertrag des Obsthofes in Größe von 5 ha gelebt. Wir hatten ihn nicht mitverpachtet sondern ihn selbst bewirtschaftet.